Wenn Helfen weh tut… Teil 1 – Elenas Geschichte

Ich möchte die Geschichte von zwei Frauen erzählen, deren gemeinsamen Weg ich schon aus der Ferne mitverfolgt habe, als wir noch in Deutschland waren. Wie es vorerst ausgegangen ist, habe ich gestern bei einem herrlichen Frühstück mit wunderschöner Aussicht auf den Paraná erfahren. Dabei durfte ich eine der beiden endlich persönlich kennenlernen.

Die Geschichte beginnt in einer kleinen, heruntergekommenen Wohnung. Zwei Zimmer, ein kleines Bad. Es ist feucht, an den Wänden schimmelt es, und die Polster und Matratzen sind fleckig.
Diese kleine Wohnung hat eine 19-jährige junge Frau gemietet, die in dieser Geschichte Elena heißt. Sie hat eine 18 Monate alte Tochter, keine Arbeit, kein Geld und keine Unterstützung. Elena ist in Armut, Lieblosigkeit und Gewalt aufgewachsen. Mutterliebe hat sie nicht kennengelernt. Als sie 14 war, wurde sie von ihrem Stiefvater vergewaltigt. Sie suchte Zuflucht bei einem jungen Mann mit Drogenproblemen, wurde schwanger und verlassen. Ihre Situation verschlechterte sich weiter, bis ihr das Kind weggenommen wurde. Später wurde sie erneut schwanger. Und so scheint sich vieles zu wiederholen.
Es gibt viele Geschichten wie diese. Traumatische Erfahrungen können von Generation zu Generation weiterwirken. Irgendwann kann das Gefühl entstehen, nichts mehr verändern zu können. Erlernte Hilflosigkeit.

Elena leidet an schweren Depressionen, hat schon mehrmals versucht sich das Leben zu nehmen und bekommt starke Medikamente, die sie eigenverantwortlich einnehmen muss.

Als ich Elenas Weg mitverfolgt habe, ist mir die Komplexität von Armut so richtig bewusst geworden.

Wenn jemand hungert, bringen wir Essen. Wir spenden Kleidung, Spielzeug und Möbel. Wir spenden Geld. Wir tun das, weil wir es gut meinen und helfen wollen.
Und all diese Dinge helfen auch! Gegen Hunger, gegen Kälte, gegen unwürdige Wohnverhältnisse. Aber sie allein überwinden die Armut nicht.

In der Bibel steht: „Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein… “ und das trifft zu.

Armut beeinflusst, wie Menschen denken und handeln und welche Möglichkeiten sie sehen, ihre Probleme zu lösen. Elena fällt es schwer, an morgen zu denken. Ihre Gedanken kreisen um das nächste Essen oder das fehlende Geld für die Miete. Manche Menschen (leider sind es viele) nutzen diese Situation aus. Elenas Nachbarin erzählte, dass Frauen eben mit dem Körper bezahlen müssen, wenn sie kein Geld haben. Das sei doch schon immer so. Das Erschreckende ist: Solche Situationen sind für diese Menschen so alltäglich, dass es für sie „normal“ zu sein scheint.

Die immer wiederkehrenden, traumatischen Erfahrungen, überfordern Elena. Schon mehrmals nahm sie eine Überdosis Medikamente und schlief dann 24 Stunden am Stück, während ihre kleine Tochter völlig ohne Versorgung bei ihr sitzt.

Armut hinterlässt Spuren im Herzen.

Elena und ihre Tochter brauchten dringend Hilfe. Über einen Kontakt lernte Elena Natalie und die Mission „Hijos de la Gracia“ kennen. Beide gingen ein Stück Weg zusammen. Immer wieder versuchte Natalie, Elena dabei zu helfen, ihr Leben zu ordnen. Der Weg verlief anders als erhofft, doch es lag nicht daran, dass jemand versagt hätte, sondern daran, dass Helfen viel schwieriger ist, als wir denken und es kann weh tun… doch dazu mehr im zweiten Teil 🙂

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