Stresskultur trifft Tranquilo – ein bisschen „Despensa“ fürs Leben

Ich mag die paraguayischen Despensas, so heißen die kleinen Lebensmittelgeschäfte hier.
Sie sind meistens in das Wohnhaus der Betreiber integriert, die dann vom Gartenstuhl aus sehen, wenn Kundschaft kommt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Produkte dort hineingestopft werden können und für 10.000 Guaraní (etwa 1,50 Euro) bekommt man hier noch einiges. Ein kleines Schwätzchen inklusive. In Despensas ist die Zeit stehen geblieben.

Zeit haben… – Ich habe in Deutschland erlebt, dass niemand Zeit hat. Personalmangel in allen Bereichen, Schwierigkeiten, Termine bei Ärzten oder Behörden zu bekommen, Arbeit, Straßenverkehr… – ein ständiges Grundrauschen.
Überarbeitet, unterbesetzt, im Stau, nur auf dem Sprung, im Stress, noch schnell dies und das, kurz „Hallo“ und dann muss ich wirklich weiter. „Schreiben wir uns doch einfach mal wieder…“ oder: „Leider sind alle unsere Mitarbeiter im Gespräch“.

Ich musste hier erst einmal erkennen, wie ich das gewohnt bin. Es gab so viele Dinge, die die Zeit von außen gefüllt haben. Ich bin der Zeit so oft hinterhergerannt.

Hier fallen so viele Dinge weg, weil es sie nicht gibt oder weil sie keine Rolle spielen, Weil das Leben hier eher wie eine Despensa ist: Arbeit, Familie und Leben sind mehr in einem.
Draußen spielen, kein Amazon Prime – man muss tatsächlich noch suchen, wo man was herbekommt und lässt Dinge sogar reparieren – und das mit Geduld. Und es ist ok, wenn etwas auch mal eine Weile nicht funktioniert. Dinge dürfen noch dauern.


Stress im Straßenverkehr gibt es hier nicht und gehupt wird nur zur Begrüßung – mit einem Lächeln und Daumen nach oben. (Man muss nur die Motorradfahrer im Auge behalten).
Selten eine Schlange im Supermarkt, weil immer alle Kassen besetzt sind. Manchmal sind mehr Mitarbeiter im Supermarkt als Kunden.
Freundliche Menschen sogar bei der Einwanderungsbehörde. Vielleicht liegt es daran, dass auf der Terrasse schon der Grill angefeuert wird, um zusammen Mittag zu essen. Man bedient die Kunden und danach kann man auch wieder ein Schwätzchen halten – Tranquilo.

Es ist überraschend schwer, die „Stresskultur“ abzulegen. Dieses Gefühl, die Familie, die Freizeit und den Alltag mit so vielen Dingen füllen zu müssen, ist hartnäckig. Aber um einen herum tut es auch keiner. Es ist ok, wenn mal nicht so viel passiert.

Plötzlich habe ich gemerkt, wie viel klarer man seine eigenen Gedanken wieder hört, wenn man auch mal Zeit hat hinzuhören. Wie viel klarer ich hören kann, was Gott zu sagen hat.

Ich glaube, wir haben gelernt, unsere Zeit permanent zu überbuchen. Wie bei einem Flugzeug, in dem mehr Passagiere eingechekt werden müssen, als es Sitze gibt. Leider gibt es dabei kein Upgrade in die Business-Class 😉

Meine Erkenntnis: Hamsterräder sehen von innen nie nach Hamsterrädern aus. Sie können aussehen wie eine Karriereleiter, wie Pflichtgefühl, Selbstverwirklichung oder etwas anderes. Was sie waren, sieht der Hamster erst, wenn er aussteigt – und dann kann es befreiend sein.

Vielleicht müssen wir gar nicht immer so viel aus unserer Zeit herausholen. Dann hat Gott mehr Möglichkeiten das Beste aus ihr zu machen :-).

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